Interviews

 


 

 

Rainer Kröhnert

Im Keller 2026

 

 

Sie sind Jahrgang 1958, das Geschöpf einer Zwischen-Generation – irgendwo zwischen Apo und Poppern, heute würde man von Boomern sprechen. Was verbinden Sie mit dieser Zeit? Und inwieweit hat sie Ihren beruflichen Werdegang geprägt?


Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man noch gegen Autoritäten rebellierte, aber trotzdem geschniegelt zur Schule ging. Die APO habe ich mehr im Fernsehen erlebt, Popmusik dafür umso direkter. Diese Mischung aus Aufbegehren und Anpassung hat mich geprägt: Skepsis gegenüber Macht, aber auch die Lust, sie spielerisch zu unterlaufen. Vielleicht erklärt das, warum ich mich nie für das reine Anklagen interessiert habe, sondern immer für die Parodie – die ist oft wirksamer als der Zeigefinger.

 


Wie Sie selbst sind viele Ihrer Kollegen ausgezeichnete Schauspieler. Sie haben die Schauspielschule in Stuttgart allerdings schnell wieder verlassen. Warum?


Damals galt die sogenannte Kleinkunst an der Staatlichen Schauspielschule Stuttgart als etwas Minderwertiges – als „kleine Kunst“, die man bestenfalls belächelte. Uns wurde ausschließlich die „Große Kunst“ vermittelt: Klassiker, Pathos, Distanz. Mein Interesse ging jedoch früh in eine andere Richtung. Mich reizte das Zeitgenössische, das Politische, das Direkte – die unmittelbare Begegnung mit dem Publikum. Dafür gab es dort weder Raum noch Verständnis. Also bin ich gegangen, nicht aus Trotz, sondern weil ich gespürt habe, dass mein Weg woanders liegt.

 


Gehen wir noch mal einen Schritt zurück in das Jahr 1962, über das Sie in Ihren Biodaten „Stottertherapie mit Erfolg abgeschlossen“ schreiben. Was hat es damit auf sich?


Nun ja, ich habe als Kind gestottert – und gelernt, mir Sprache sehr bewusst zu erarbeiten. Vielleicht kommt daher meine Freude an Stimmen, Pausen und Betonungen. Wer einmal um jedes Wort kämpfen musste, nimmt Sprache später nicht mehr selbstverständlich. Parodie ist für mich bis heute auch eine Form der Sprachbeobachtung.

 


Nach Ausflügen in den Journalismus wurden Sie als junger Mann, damals gerade 22 Jahre alt, von Dieter Hallervorden für die Kabarettbühne „Die Wühlmäuse“ engagiert. Wie ist „Didi“ auf Sie aufmerksam geworden und warum wurde es nur ein kurzes Engagement?


Dieter Hallervorden hatte das Casting dem damaligen Spielleiter Horst Köppen überlassen, der mich schließlich engagierte. Es handelte sich um einen sogenannten Stückvertrag, der regulär nach rund neun Monaten auslief. In dieser Zeit wurde meine Genscher-Parodie überraschend zum Lachhit des Abends – was mir beim Publikum Sympathien einbrachte, bei manchen Kollegen allerdings eher sportlichen Ehrgeiz. Als junger Neuling war das hinter und auf der Bühne nicht immer ganz einfach. Rückblickend war es dennoch eine sehr lehrreiche Phase – und genau der richtige Schritt zur richtigen Zeit.

 


In den 80ern haben Sie sich mit Ihrer späteren Frau und heutigen Managerin an einer eigenen Bühne versucht, dann aber eine Solokarriere begonnen. Was hat Sie zu der Entscheidung bewogen?


Die eigene Bühne war eine wunderbare, aber auch kräftezehrende Erfahrung. Irgendwann wurde klar: Ich bin kein Intendant, ich bin ein Einzelgänger mit vielen Stimmen im Kopf. Solo konnte ich radikaler, schneller und persönlicher arbeiten – und meine Frau hat mich dabei klug geerdet und strukturiert begleitet.

 


Als Solo-Künstler haben Sie viele Preise eingeheimst – vom „Ravensburger Kupferle“ über den „Gaul von Niedersachsen“ bis zum „Leipziger Löwenzahn“. Haben Sie eine Idee, was die Initiatoren geritten hat, Ihren Preisen solche karnevalsverdächtigen Namen zu geben?


Kabarett traut dem Pathos nicht – auch nicht beim Auszeichnen. Ein „Goldener Ernst der Nation“ wäre mir ohnehin suspekt. Diese Namen zeigen Humor und Bodenhaftung. Und ganz ehrlich: Einen „Gaul von Niedersachsen“ vergisst man nicht so schnell.

 


Preisfrage: Was haben Boris Becker, Angela Merkel und Werner Herzog gemeinsam? Sie, Reiner Kröhnert, geben ihnen eine Stimme. Wann haben Sie Ihr Talent für die Parodie entdeckt?


Sehr früh – eigentlich schon auf dem Gymnasium. Ganz ähnlich wie Heinz Rühmann in Die Feuerzangenbowle habe ich Lehrer, Mitschüler und andere Autoritäten imitiert – mit großem Vergnügen und überschaubarem pädagogischem Nutzen. Ich merkte schnell: Jeder Mensch hat seine eigene Tonlage, seinen inneren Takt. Trifft man den, erkennt das Publikum die Figur sofort. So sind später meine Parodien von Boris Becker, Angela Merkel, Werner Herzog – und natürlich Klaus Kinski entstanden. Wobei man bei Kinski streng genommen weniger parodiert als überlebt.

 


Nun gibt es Kabarettisten, die es mit solchen Fähigkeiten in den Kabarett-Olymp geschafft haben – man denke nur an Matthias Richling. Sie sind weniger bekannt als Priol oder Richling. Liegt das auch daran, dass Sie das kleine Format bevorzugen?


Ganz so klein war das Format früher nicht. Meine Programme wurden aufgezeichnet, Günther Jauch hat mich in seinen Jahresrückblick Menschen 92 eingeladen, ich war als Künstler im Das aktuelle Sportstudio zu sehen, und zum Scheibenwischer hat mich Dieter Hildebrandt persönlich in die Sendung geholt.
Der Unterschied liegt weniger im Format als im Klima. Unter Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder auch Angela Merkel war politische Parodie möglich – und wurde als Teil demokratischer Souveränität verstanden.
Seit der sogenannten Zeitenwende hat sich da etwas verschoben. Viele Politiker wirken heute erstaunlich dünnhäutig, als hätten sie Angst davor, im Spiegel der Parodie erkannt zu werden – man denke nur an den Auftritt von
Bärbel Bas beim Arbeitgebertag. Die Frage ist weniger, warum Kabarett leiser geworden ist, sondern: Wo ist eigentlich die Gelassenheit der Macht geblieben?

 


Ihr aktuelles Programm „ER – jetzt wird’s MERZwürdig“. KanzlerInnen spielen bei Ihnen oft eine zentrale Rolle. Was unterscheidet diesen Kanzler – in einem Satz – von seinen VorgängerInnen?


Friedrich Merz unterscheidet sich von seinen Vorgängern dadurch, dass er Wahlversprechen mit der Chuzpe eines Baron Münchhausen in Umlauf bringt – und man am Ende staunt, wie elegant sie sich in Luft auflösen, noch bevor sie den Boden der Realität berühren.

 


Politisches Kabarett ist mühsam. Ihr Kollege Volker Pispers hat sich zurückgezogen. Was ist Ihre Motivation, weiterzumachen?


Politisches Kabarett ist immer auch eine Frage der Zeit. Ich bin drei Jahre jünger als Friedrich Merz – das verschafft mir Gelassenheit. Und ich weiß: Es kommen Politiker nach, die noch einmal jünger sind als ich. Solange jede Generation ihre eigenen Irrtümer produziert, wird es auch jemanden brauchen, der sie freundlich, aber hartnäckig kommentiert.

 


Sie gehören zum Kreis der „Missstände-Beseitiger“. Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei – wie sähe der aus?


Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Kritik wieder aushält, über sich selbst lachen kann – und satirischen Humor nicht sofort für Majestätsbeleidigung hält.

 

Interview: Rüdiger Otto-von Brocken

 


 

 

Exklusives Interview - Maurenbrecher

Im Keller 2025

 

 

Er ist promovierter Germanist, Romanautor, Songtexter, Liedermacher und einiges mehr. Sein erstes Album veröffentlichte Manfred Maurenbrecher 1979 mit der Musikgruppe „Trotz & Träume“. Danach machte er sein Hobby zum Beruf, schrieb neben eigenen Texte für Spliff, Herman van Veen oder Ulla Meinecke, die ihre aktuelle Zwei-Jahres-Tournee im Husumer Kulturkeller begann und zu deren Band auch Saxophonist Richard Wester gehörte. Mit ihm und dem Randy-Newman-Project kommt Maurenbrecher am Sonnabend, 14. Juni, 20 Uhr, in den Schlossgang 7. Dritter im Bunde: Sänger und Pianist/Keyboarder George Nussbauer.

 


Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag. Ist zwar schon einen Monat her, aber in unserem Alter ist ja jeder gute Wunsch doppelt wertvoll, oder?

 

Maurenbrecher: In unserem Alter (sind wir etwa gleich alt?) sollte man sich eine Kraft reservieren dafür, jeden Tag zu genießen, den man wach und gesund durchlaufen kann.

 


Na ja, ein paar Jährchen trennen uns schon noch, aber offiziell wären wir beide schon in Rente. Apropos Zeit. Wissen Sie noch wann und mit wem Sie zum wahrscheinlich ersten Mal in Husum aufgetreten sind?

 

Maurenbrecher: Ich vermute, als ,Drei Männer im Schnee’ in der Kombination mit Richard Wester und Thommie Bayer. Später habe ich nah bei Husum, in Detlef Petersens Studio, eine ganze CD aufgenommen, ‘Kakerlaken’.

 


Das war ein feines Projekt mit hervorragender Musik und exzellenten Texten. Warum ging es nicht weiter?

 

Maurenbrecher: ,Alles hat hat seine Zeit' und ,Alles geht zur Neige“ - zwei Songtitel von mir. Die Zusammenarbeit mit Richard Wester ist immerhin damals entstanden und ging über Jahrzehnte weiter. Wir haben sogar mal den Deutschen Kleinkunstpreis dafür gekriegt.

 


Was viele nicht wissen: Sie haben neben eigenen auch Texte zum Beispiel für Ulla Meinecke geschrieben (Hafencafe) aber auch Romane veröffentlicht. Gibt es da eine Priorität?

 

Maurenbrecher: Für andere texten tu' ich eigentlich nur noch auf Anfrage. Zwischen dem Musizieren und dem eigenen Schreiben, das sind wechselnde Phasen. 2026 möchte ich wenig auftreten und dafür ein Buch schreiben. Vielleicht wird es sogar fertig. Ich empfinde es als Luxus, da wählen zu können.

 


2006 haben Sie dann mit George Nussbaumer und einmal mehr mit Richard Wester das Randy-Newman-Project gestartet. Wie kam es dazu?

 

Maurenbrecher: Richard und George hatten sich vorher schon kennengelernt, und für irgendeinen event 2005 haben wir drei ,Neumanns' Lied Sail away, das ich gerade übersetzt hatte, arrangiert. Daraus entstand der Plan, einen ganzen Abend mit Newman auf deutsch und englisch und Moderationen von uns allen Dreien zu entwickeln.

 


Kritiker loben Ihre deutschen Fassungen der Songs von Randy Newman, weil es keine bloßen Übersetzungen, sondern Übertragungen sind. Kann man einen wie Newman mit seinen vielen versteckten Anspielungen überhaupt eins zu eins übersetzen?

 

Maurenbrecher: Manches gelingt wunderbar eins zu eins, für manches muss man die Perspektive verändern. Dann wird zum Beispiel aus South Carolina die Uckermark. Aber die Frage, ob „man“ sowas kann, hat einen, entschuldigung, falschen Beigeschmack, finde ich. Es ist immer das selbst geschaffene Ergebnis, das zählt. Überzeugt es, ist alles gut. Ich kenne einen ‘literarisch orientierten’ Singer-Songwriter-Kollegen aus unserem Land, der gern verkündet, Bob Dylans Lieder könne „man“ nicht übersetzen. Da sollte er mal lieber „ich“ sagen.

 


Was fasziniert Sie so an Randy Newman, wo Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere doch eher zu Bob Dylan und Leonard Cohen hingezogen fühlten?

 

Maurenbrecher: Zu denen zieht es mich nach wie vor hin, und für meine Dylan-Übersetzungen habe ich mir letztes Jahr ein eigenes Abendprogramm zusammengestellt, es heißt ‘Eine Anstiftung zum Leben’. - Randy Newman aber beherrscht eine Kunst, die uns heutzutage zeitgeistig ausgetrieben werden soll: das Rollenspiel im Lied. Brecht war ein früher Meister darin, Newman übertrifft ihn noch. Er spricht zum Beispiel mit der Maske eines weißen Rassisten aus den Südstaaten Wahrheiten aus, die geradezu ‘unaussprechlich’ wären, wenn ein Tagesschau-Sprecher sie sagte. Newman bewegt sich oft und gern an der Grenze zu dem ,das wird man ja wohl noch sagen dürfen', das hierzulande viele neuerdings einfordern. In einem Klima, wo in Theatern diskutiert wird, ob Heteros Schwule spielen dürfen, geradezu kulturrevolutionär.

 


Was macht die Zusammenarbeit in diesem Trio so besonders?

 

Maurenbrecher: Wir sind drei ganz verschiedene Typen von Spielern und können uns musikalisch nicht nur ergänzen, sondern richtig herausfordern. Gerade Randy Newmans Musik, die den Blues in sich hat genau wie Musical-Elemente und Poppiges, fordert uns alle drei zum kontrollierten Improvisieren auf. Wo er auf seinen Platten andeutet, treiben wir das Hymnische, das Rhythmische, das Verrückte gern sehr weit nach vorn.

 


Gibt es einen Auftritt, der Ihnen in vierzig Jahren Bühne besonders in Erinnerung geblieben ist: positiv oder negativ?

 

Maurenbrecher: Dazu waren es zu viele. 1982 in der Waldbühne in West-Berlin bei einem Friedensfestival spielte ich zwei Lieder vor 20.000 Menschen, und hatte vorher immer nur vor 20, manchmal 50 Leuten gespielt. Dieses Schwindelgefühl werd' ich wohl nie vergessen.

 


Nach der ersten Präsidentschaft von Donald Trump hat sich Randy Newman in einem Interview „zur Lage der Nation“ geäußert. Warum sind die progressiven Kräfte in den USA im Augenblick so still?

 

Maurenbrecher: Das weiß ich nicht. Ich vermute: Angst. Ich verstehe auch die Schwäche der Demokratischen Partei dort nicht. So, wie ich vieles hierzulande nicht verstehe. Dass Vertreter der US-Regierung uns Wahlempfehlungen für die AfD geben, finde ich himmelschreiend. Meine gerade erschienene CD ‘Vielleicht vielleichter’ setzt sich mit diesen Trends auseinander. Musik kann die Angst schmälern, vielleicht wird in den USA zu wenig Musik gespielt. 

 

Interview: Rüdiger Otto-von Brocken